„Es gibt die Mahlzeit und das Salz. Man sagt, die Baay Fall sind das Salz.“ (Ibou Cissé)

Die Gemeinschaft der Baay Fall (auch „ Baye Fall “ oder „Beye Fall“) ist eine Gruppierung innerhalb der islamischen Sufi-Bruderschaft der Mouriden in Senegal. Die BaayFall haben sich für eine mystische Arbeit entschieden und verzichten auf die bekannten Rituale der islamischen Lehre, wie da sind u. a. das fünfmalige Beten am Tag und das Fasten zu Ramadan. Sie begeben sich auf die Erforschung des Inneren. Der Alltag und die innere Einstellung zu all dem, was einem im alltäglichen Leben begegnet, ist ihr Weg zu Gott. Man sagt, dass die Baay Fall damit eine Haltung lebendig werden lassen, die in Senegal schon viel älter ist als die Bewegung der Baay Fall selbst.

Der Mouridismus wurde Ende des 19. Jhdt.s von Cheikh Amadu Bamba in Senegal eingeführt und ist die beispielhafte Form eines regionalen schwarzen Islams. Innerhalb des Mouridismus initiierte Maam Cheikh Ibra Fall 1885 den Weg der Baay Fall.

Cheikh Amadu Bamba war kein neuer Prophet, sondern eine Reinkarnation des Mohammed al Mustapha, des letzen Propheten des Islam und Überbringer des Korans. Damit vollendete Mohammed als Cheikh Amadu Bamba seine Mission, in dem er neben dem ersten Weg, den der Mouriden, einen zweiten Weg zur Verehrung Allahs aufzeigte. Dafür musste er seinen Anhänger Maam Cheikh Ibra Fall treffen, dessen Haltung und Verhalten den „mentalen Verhaltensstandart“ der Baay Fall konstituierte. Er zeigte eine neue Praktik innerhalb der Religion des Islam auf, die auf neue Art einen direkten Weg zu Allah enthüllt. Es ist „der Weg der Arbeit im göttliche Sinn des Wortes“, der kürzeste Weg, der zur spirituellen Vollendung führt.

Konkret heißt das, dass die Baay Fall die traditionelle Doktrin des Sufi-Islams neu beleben, wie das der materiellen Entsagung, das der mystischen Forschung und das der Loslösung von der vergängliche Welt. Damit regen sie Wahrnehmung der göttlichen Welt an, und zwar indirekt durch das tägliche Leben, das tägliche Tun. Ein Baay Fall geht davon aus, dass alles, was er heute braucht, er auch bekommen wird und ist in jedem Moment bereit, alles zu teilen, was er hat. Jeder in Senegal weis, dass ein Baay Fall ein integerer Mensch ist und immer für Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit einsteht. Mir wurde gesagt, dass mir nichts passieren kann, weil ich mit einem Baay Fall zusammen bin.

Im Alltag finden sich die Baay Fall an bestimmten Orten zusammen, dort, wo einer Kaffee Touba verkauft oder Hosen und Schuhe, oder dort wo einer wohnt. An diesen Orten findet sich die angenehme Atmosphäre einer Gemeinschaftlichkeit, die niemanden ausschließt, im Gegenteil, jeder wird unvoreingenommen und ohne irgendwelche Erwartungen begrüßt. Zu spüren ist die Herzensenergie. Die Baay Fall sagen, das sie das gleiche Herz haben. Daran erkennen sie sich auch unter einander, auch wenn sie nicht die baayfalltypischen äußeren Merkmale tragen. Baayfallkleidung wird aus vielen verschiedenen unterschiedlichen Stoffen zusammen genäht, oft in bunten Streifen, aber der Fantasie und der Individualität sind keine Grenze gesetzt. Manche tragen ihre Haare in Dreads, und es gibt eine schwarze, gehäkelte Zipfelmütze, die ebenfalls manche gerne tragen. Jeder Baay-Fall bekommt von seinem Marabou, seinem Meister, eine Art Halsreifen aus Leder, in welchen bestimmte Zutaten eingenäht sind, die dem Baay Fall Schutz und Glück geben und ihn in seinem Glauben unterstützen. Daran befestigt ist meist ein Foto des Marabous. Es gibt auch an einer längeren Schnur befestigte Abbilder von Maam Cheik Ibra Fall, die um den Hals getragen werden. Aber all das ist kein Muss, jeder Baay Fall entscheidet selbst, wann und wo er was tragen und damit zeigen möchte. Seine Zugehörigkeit zu der Gemeinschaft der Baay Fall ist unabhängig davon.

Die spirituelle Suche des Baay Fall ergibt sich aus der völligen Hingabe an seinen spirituellen Führer, seinen Meister. Der Talibé (spirituelle Anhänger) verspricht, Körper und Seele an seinen Serin (spirituellen Meister) zu geben und alles zu tun, was er sagt, und alles zu unterlassen, was dieser ihm verbietet, „hier unten und da oben“. Um seinen Marabou zu finden, lässt sich ein Baay Fall viel Zeit. Baay Fall zu werden ist eine Entscheidung des Herzens. Im Herzen weis man, ob man ein Baay-Fall ist, so fängt es an. Ist es so, begibt sich der Baay Fall auf die Suche nach einem Meister, bei dem er das Herzensgefühl hat, dass es ein guter ist, dass es der richtige Marabou für ihn ist. Dafür kann er einige Zeit in der Gemeinschaft dieses Marabou und seiner Anhänger verbringen, so lange, wie er möchte und bis er sich sicher ist oder auch nicht. Jeder geht seinen Weg und braucht seine Zeit. Hat er seinen Meister gefunden, kann die Hingabe an diesen und die Gemeinschaft seine Wirksamkeit entfalten.

Das Haus des Marabou ist der Ort, wo sich die Baay Fall zum gemeinsamen Arbeiten, Beten, zum gemeinschaftlichen, solidarischen Leben versammeln. Das kann eine selbstgewählte Zeit sein oder auf den Ruf des Marabous erfolgen, wenn es einen Anlass zum gemeinsamen Beten oder Arbeiten gibt. Das Beten ist der Gesang der Baay Fall, ein gemeinsames Chanten, manchmal stundenlang. Die Arbeit kann die Durchführung einer großen Versammlung sein, für die vorher Geld- und Lebensmittelspenden gesammelt werden und dann alles logistisch vorbereitet und bewerkstelligt wird. Da der Marabou in innerer Verbindung mit seinen Baay Fall ist, wird er nichts verlangen, was den Verlauf des Lebens seiner Baay Fall hindern würde.

Der Weg der Baay Fall ist eine befreiende Unterwerfung. Die Quelle ist die Unterschiedlichkeit, die Differenz, aus der jeder seine Einmaligkeit und seine Ethik entwickelt. Ein Baay Fall ergibt sich einer doppelten Unterwerfung, einmal die unter seinen Marabou und das zweite mal die unter sein eigenes Sein.

Die Baay Fall werden von den anderen Muslimen wie Außenseiter oder Minderheiten unter den Schutz ihrer Religion genommen. Heute fühlen sich gerade junge Menschen im urbanen Raum von der Gemeinschaft der Baay Fall angezogen, trotz oder wegen der steigenden Macht der Mouriden. Hier können sie sich emanzipieren, ohne das System der solidarischen Gemeinschaft zu verleugnen. Hier können sie ihre Individualität entwickeln und auf religiösem Weg sich selbst verwirklichen und als Individuum behaupten, sowohl die Männer als auch die Frauen.

Aus der senegalesischen Gesellschaft sind die Baay Fall nicht mehr weg zu denken. Ohne die Baay Fall hätte ich Senegal nicht so erlebt, wie ich es erlebt habe.