ein Kunstprojekt von Claudia Michaela Kochsmeier
unterstützt vom DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst)
3. Oktober 2007 bis 6. Februar 2008

Das Rumtollen eines Kindes ist mit vielen Kopfüberbewegungen verbunden. Kinder lieben Purzelbäume, lieben es, kopfüber herumzutoben. Irgendwann hört das auf, mit dem Erwachssenwerden ordnet man sich anscheinend in das Oben und Unten der Umgebung ein und die Kopfüberbewegungen finden sich nur noch in den Randbereichen wie Jahrmarkt, Zirkus, Weltall, Kamasutra, Yoga, Capoeira…

Körperliche Bewegung im Raum hat einen direkten Einfluss auf die Entwicklung und Strukturierung des Gehirns und damit auf mein Erleben, meinen Blick auf die Welt, auf die Entwicklung meines Potenzials.

Ich frage mich also, welches Potenzial in der Bewegung des Kopfüber steckt.

Ich bin Videokünstlerin. Ich filme und schreibe. Ich suche und finde Worte und Bilder. Für TANZ PLEXUS untersuche ich die Bewegung des Kopfüber in dem Element Sand.

Mein Vorhaben ist wie ein Plexus, ein Geflecht, in dem Vieles zusammen kommt. Hier kann ich auf meine bisherigen Forschungen aufbauen; zu Schlaf und Erinnerung, zu Bewusstsein und Identität, zu Grenzen zwischen Innen und Außen, sowie auf meine Erfahrungen mit Capoeira, Alexandertechnik und Bewegung überhaupt.

Mein Arbeiten ist ein labyrinthisches Vorgehen. Es bilden sich durchlässige Schichten, bestimmte Phämomene kommen an die Oberfläche, verbinden sich mit anderen und bilden ein komplexes Geflecht. Daraus entwickelt sich schließlich die künstlerische Form.

Wir unterscheiden oben und unten. Das hat mit der Anziehungskraft der Erde zu tun. Ohne Schwerkraft kein Oben und Unten. Wir richten uns mit der Schwerkraft aus, mit allen Bewegungen. Aber was bedeutet das? Und welche Möglichkeiten birgt das?

In der „École des Sables“ im Senegal möchte ich mit Tänzern arbeiten, trainieren, tanzen, filmen, kommunizieren, ausprobieren. Im Sand verlieren sich die Grenzen, die die Angst setzt. Die Angst vor dem Kopfüber, die Angst, hintenüber zu fallen, die Angst, die Orientierung zu verlieren. Die Welt auf dem Kopf stehen zu sehen verunsichert, aber wir möchten manchmal, dass die Welt kopf steht. Im Sand ist die Landung immer weich, der Sand ist der Himmel, der Himmel der Sand. Der Sand trägt den Körper, so wie der Himmel die Seele.

Sand ist etwas, was mich verfolgt und das ich verfolge, als Element, als Sturm, als Wüste, als Unendliches.

Wenn ich mich auf Sand bewege, ist die Bewegung anders als sonst. Hier verliert sich die Angst vor dem, was passieren könnte, wenn ich die Kontrolle verliere.

Die École des Sables, die Schule des Sandes, ist eine Schule für zeitgenössischen afrikanischen Tanz. Sie hat einen 400 qm großen Trainingsraum mit Sandboden. Ich werde dort mittrainieren, mitlernen und mitleben. Und ich werde die Bewegungen, die die Welt auf den Kopf stellen kann, suchen, anregen, üben und filmen.

Vor ein paar Monaten, als ich beim Capoeira-Training war, gab es einen Moment, da empfand ich plötzlich ganz viel Liebe für den menschlichen Körper. Für seine Unterschiedlichkeit, seine Verletzlichkeit, für die Besonderheit jedes menschlichen Körpers, seines Daseins als Haus für die Seelen. Der menschliche Körper ist was ganz besonderes. Mit ihm und durch ihn sind unglaubliche Erfahrungen möglich. Das ist auch nicht einfach, aber gerade das macht die Qualität ja aus. Etwas Unmögliches möglich machen, wie z. B. die Aufhebung der Regel die besagt, was normalerweise oben oder unten ist.

Dies ist eine wesentliche, treibende Kraft für mich.

Ich bin keine Tänzerin. Als Künstlerin finde ich im Tanz eine Sprache, die über Grenzen hinweg gehen kann, die etwas menschenverbindendes ist, eine Kommunikation, die unabhängig von kulturellen und gesellschaftlichen Hintergründen funktioniert. Dies sehe ich besonders in afrikanischen Tanz-Performances.

Germaine Acongy gründete die erste professionelle Ausbildung für Tanz in Afrika. In ihrer Arbeit an der Ècole des Sables führt sie Tänzer aus ganz Afrika zusammen und entwickelt mit ihrem Bezug zu westlichem und asiatischem Tanz eine zeitgenössische Form des afrikanischen Tanzes.

In Zusammenarbeit mit den Tänzern und Lehrern der École des Sables werde ich Bewegungen im Sand filmen, Bewegungen mit der Kamera vefolgen und sehen, was noch möglich ist. Begleitend werde ich schreiben, von meinen Erfahrungen, von dem, was mir dort begegnet.

Germaine Acogny sieht jeden Teilnehmer und Ausbilder als Lernenden und Lehrenden, so dass ich als Künstlerin dort ebenfalls beides sein werde.

Das, was ich nicht selbst filmen kann, suche ich trotzdem, und mache mir schon verfilmte und oft gesehene Bilder zu eigen, indem ich sie abfilme. In der Welt der Bewegung scheint es Unerreichbares zu geben. Aber das, was erreichbar ist, ist oft mehr, als man für möglich hält.

Mit TANZ PLEXUS möchte ich an dem Punkt weitermachen, an dem die Schwierigkeiten von interkulturellen Austauschprojekten auftauchen. Der Punkt, an dem eine Umkehrung der Sicht einsetzten kann, eine Neuorientierung zwischen oben und unten möglich wird. Bewegung im Sand scheint mir da das Naheliegende zu sein.

Oktober 2007

Flyer zum Kunstprojekt TANZ PLEXUS - KOPFUEBER Flyer zum Kunstprojekt TANZ PLEXUS - KOPFUEBER (gedreht)