Beitrag von Claudia Michaela Kochsmeier

Bildende Künstlerin, Video und Zeichnung, Berlin
www.tagtraumlexikon.de

Es gibt nichts, was die Begegnung mit einem anderen Menschen ersetzen kann. Von den individuellen Erfahrungen zu berichten ist wichtig und wie hier während des Symposiums der Austausch und die Dokumentation über und von Künstleraustausch-Projekten. Als Künstler in ein anderes Land zu reisen und sich dort mit anderen Künstlern auszutauschen ist eine ganz besondere und sehr intensive Form des Erlebens, die mit nichts sonst zu vergleichen ist.

Während der Arbeitswoche in Seben/Bolu waren für mich die Menschen und die ursprüngliche Natur der neue Erlebnisraum. Wie lebt der Mensch in der Natur?
Jeden Tag habe ich die Schlucht von Seben erkundet, bin in den Bergen rumgeklettert, habe Pflanzen und Tiere entdeckt und beobachtet. Zwischendurch habe ich mich mit den anderen Künstlern ausgetauscht, mit Worten, Gesten, Lächeln, Zeigen und vor allem mit den Gefühlen, die das Herz aussendet.

In den Bergen sind mir auch die anatolischen Hütehunde mit ihren Ziegen- und Schafherden begegnet. Diese Hunde sind oft lange alleine mit ihren Herden unterwegs und bereit, ihre Herde nicht nur zu verteidigen, sondern auch anzugreifen, wenn Gefahr droht. Deswegen gelten diese HUnde auch als gefährlich.
Ich kenne Stachelhalsbänder für Hunde, bei denen die Stacheln nach innen zeigen und den Hundehals würgen können. Diese sollen zur Erziehung des Hundes dienen.
Die Hütehunde in Seben tragen auch ein Halsband, das mit langen Metallstacheln gespickt ist. Diese Metallstacheln zeigen nach außen. Sie schützen den Hund vor dem Todesbiss des Wolfes.

Eines heißen Nachmittags wollte ich mir ein kühles Plätzchen in einer der vielen Höhlen suchen um einige Zeichnungen zu machen. Die Ziegenherde ist gerade vorbeigezogen, ich höre noch das Klingen der Ziegenglocken hinter den Felsen. Aus dem hellen Licht will ich gerade in den Schatten der Höhle treten, als mir ein verschlafenes Bellen entgegen kommt. Erschrocken weiche ich vom Höhleneingang zurück. Aus dem Dunkeln der Höhle kommt der sandfarbene Hütehund getrottet, schaut mich vorwurfvoll an. Er hat mich schon mal gesehen, als ich seine Ziegen gefilmt habe. Er hatte mir mit seinem Bellen und seiner Körpersprache gezeigt, wie nah ich an die Ziegen heran darf, das hatte gut geklappt. Jetzt ist es mein Glück, dass er mich erkennt. Ich wollte ihn wirklich nicht bei seinem Schläfchen in der Kühle der Höhle stören. Wir schauen uns respektvoll an und gehen beide unserer Wege…

In diesen türkischen Hütehunden sehe ich ein Bindeglied zwischen dem Menschen und der Natur. Der Hund lebt frei in den Bergen und dient dabei dem Menschen. Der Mensch sorgt für den Hund und der Hund erfüllt seine von Menschen übertragene Aufgabe, die der Mensch alleine in der Natur nicht bewältigen kann. Mensch und Hund kommunizieren miteinander.

Diese Verbindung zwischen Mensch und Natur habe ich in meiner Videoarbeit „Mağara – Höhle“ als grundlegende Erfahrung gespeichert.

Videostill aus „Mağara – Höhle“
2017